VW Effizienz Initiative oder früher Aprilscherz?

· Andrea Kaden
Dieser Artikel stammt aus dem Archiv von Zeitgewinn Hamburg. Aktuelle Inhalte finden Sie bei WORK WITH EASE →

Ich bin erschüttert, da ich in der Welt lese „Der Autobauer Volkswagen reduziert den Einsatz der Präsentationssoftware Powerpoint.“ Was für ein Fortschritt! Doch Effizienz sieht anders aus.

Nicht nur, dass das der „Welt“ einen Artikel wert ist, finde ich befremdlich, sondern vor allem die Hintergründe der „story“ sind schwer nachzuvollziehen. Die Forderung des Generalsekretariats „Less paper, more pepper“ allein finde ich noch klasse. Aber alles, was sich dahinter verbirgt, scheint mir doch sehr angestaubt und unzeitgemäß:

In Wolfsburg tritt das Führungsgremium montags zusammen. Stichpunkte sollen deshalb bis Donnerstagmittag eingereicht werden, „an alle Teilnehmer“ und „in Papierform“. In Papierform? Im Jahr 2015? WTF!

Das Problem mit der VW Effizienz Initiative

Und dann der Satz: „Selbst auf diesem Feld schlägt sich die Effizienz-Verordnung des Konzerns nieder.“ Was bitte soll daran effizient sein? Ok, dass es einen Termin für die Einreichung gibt, ist sinnvoll. Aber dass alle Themen für alle Teilnehmer in Papierform eingereicht werden, ist absolut nicht effizient. Das Papier wird produziert, an eine zentrale Stelle getragen, dort sortiert und wahrscheinlich entsprechende Stapel für die Teilnehmer zusammengestellt und wieder ausgeteilt. Das ist a) Papierverschwendung, vor allem aber b) Verschwendung von Zeit.

Das heißt, jeder Teilnehmer bekommt einen Stapel Papier mit allen Themen, ob er das braucht/will oder nicht. Wieso liegen die Themen nicht zentral in einem elektronischen Ordner/System, wo jeder der Teilnehmer im Führungsgremium Zugriff hat. Man kann doch von einem Führungsgremiumsmitglied eines hochtechnologischen Konzerns erwarten, dass er/sie sich weitgehend am Computer vorbereiten kann, oder? Was ist das für ein altmodisches Gebaren, sich vom Sekretariat einen Stapel mit Infos vorlegen zu lassen, die in einem anderen Medium bereits vorhanden, gespeichert und gepflegt werden können. Jeder könnte im System nachschauen und sich zu der für ihn passenden Zeit vorbereiten.

Und wenn nach der „hochmodernen“ Verordnung die grafischen Darstellungen nur im Anhang auftauchen, aber keine für die Entscheidungsfindung relevanten Informationen enthalten dürfen, dann kann sie auch gleich weglassen werden, oder? Man stelle sich vor, alle Führungsgremiumsmitglieder (derzeit hat VW neun Vorstandsmitglieder, ich vermute jedoch dass der Kreis der Führungsgremiumsmitglieder größer ist) lassen jede Woche 20 seitige Anhänge mit grafischen Informationen, die ohnehin nicht entscheidungsrelevant sind, produzieren. Das würde mindestens 180 Seiten pro Woche pro Person ausmachen. Und das für die Katz, denn wichtige Infos sind ja nicht drin. Abgesehen davon: Wer wird das lesen?

Meine Fragen zur VW-Effizienzsteigerung

Je häufiger ich auf den Artikel schaue, desto abenteuerlicher kommen mir die Zeilen vor. Da möchte ein Konzern weltgrößter und bester Autobauer sein. Er veröffentlicht oder lässt veröffentlichen, dass es auf dem Feld der Effizienz-Verordnung weitere Erfolge zu vermelden gibt: „Manager und Ingenieure sollen Ihre Vorlagen links oben heften, statt Plastikhefter zu benutzen.“ Ist das ein Scherz? Hoch ausgebildete Leute brauchen eine Verordnung, wie sie Ihre Papiere vorbereiten müssen? Dazu denke ich:

  • Wieso gibt es überhaupt noch Papiervorlagen?
  • Wieso können die Gremienmitglieder Ihre Inhalte nicht frei oder mit ein paar Stichworten vortragen?
  • Warum kommen die Leute nicht selbst darauf, hinzuschauen, dass es auch anders und kostengünstiger geht?
  • Und warum braucht es für eine solche Änderungen eine schriftliche Verordnung, an der wahrscheinlich zig Leute lange gefeilt haben, anstatt eine klare kurze Ansage. Von Mitarbeitern mit diesen Ausbildungs-Hintergründen dürfte man erwarten, dass sie eine solche Änderung spielend und ohne weitere Erinnerung in ihren Arbeitsalltag integrieren können.

Wenn der Artikel von VW lanciert wurde, was ich vermute, war das keine Sternenstunde der PR-Abteilung. Er macht deutlich, dass die höchste Etage des Konzerns Prozesse und Arbeitsmittel von vorgestern nutzt. Oder wenn ein Journalist das für eine berichtenswerte Geschichte und ein Vorbild an Effizienz hält, lebt auch dieser im Vorgestern. Die oberen VW-Etagen erwarten von den Mitarbeitern permanente Änderungsbereitschaft, aber leben das selbst nicht vor.

Selbst viele kleine Unternehmen bekommen es inzwischen hin, dass

  • die Informationen für ein Meeting zentral abgelegt werden
  • die Teilnehmer sich vorbereiten und sich nicht im Meeting gegenseitig vortragen, was ohnehin in der Vorbereitung steht
  • ein großer Bildschirm oder Leinwand im Meetingraum hängt, auf den alle gemeinsam schauen, Änderungen direkt vornehmen und jeder seine Notizen nur auf dem iPad o.ä. macht
  • sie Informationen für ein Meeting zentral ablegen
  • die Teilnehmer sich vorbereiten und sich nicht im Meeting gegenseitig vortragen, was ohnehin in der Vorbereitung steht
  • ein großer Bildschirm oder Leinwand im Meetingraum hängt, auf den alle gemeinsam schauen, Änderungen direkt vornehmen und jeder seine Notizen nur auf dem iPad o.ä. macht

Mein Fazit: Ich finde das als Pressemeldung (zahlreiche Medien berichten darüber) oder was auch immer es ist, einfach nur total banal und peinlich und erst recht für einen Konzern, der sich selbst als hochmodern sieht.